Parlament des Bremischen Handwerks tagt in der Seestadt – Im Mittelpunkt stehen Themen rund die Ausbildung.
Turnusgemäß hat die Vollversammlung, das Parlament der Handwerkskammer, am 2. Juli in Bremerhaven getagt. Auf der Tagesordnung standen neben den Berichten des Vorstands und den Geschäftsführungen von Kammer und Handwerk gGmbH ein Vortrag über die Lage des Handwerks zwischen Tradition und KI. Außerdem informierte die Kammer über den Stand der Überlegungen zur Modernisierung ihres Bildungshauses. Als künftiger Hauptgeschäftsführer stellte sich Alexander Gündermann den Vollversammlungsmitgliedern vor.

Präses Thomas Kurzke schilderte zunächst die aktuelle Stimmung im Handwerk. Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung werde Folgen für die nächsten Generationen haben und müsse am Ende zum Erfolg führen. „Auch im Handwerk ändern sich gerade die Zeiten. Wir brauchen dringend sinnvolle Investitionen, die auf die Zukunft ausgerichtet sind. Was wir nicht brauchen, sind kurzfristige Programme und Wahlgeschenke. Die Infrastruktur und der Neubau müssen im Fokus dieses Konjunkturpaketes stehen.“
Auch im Handwerk gebe es gerade eine deutliche Konjunkturdelle. Kurzke: „Während uns der Fachkräftemangel als dringendstes Problem erhalten bleibt, spüren wir seit einigen Monaten eine große Beruhigung der Auftragseingänge. Die Zahlen der beiden ersten Quartale zeigen aber zumindest gesamtwirtschaftlich eine leichte Tendenz zur Besserung. Darauf lässt sich aufbauen und darauf lässt sich auch Optimismus gründen, den wir gerade im Handwerk dringend brauchen.“
Was das Handwerk zunehmend spüre, sei die enge finanzielle Lage Bremens, zum Beispiel im Bereich Ausbildung. Kurzke: Wie wir darauf reagieren können, müssen wir in gründlich diskutieren.“
Anknüpfend an die Diskussionen um den von Bremen geplanten so genannten Klima-Campus für Aus- und Weiterbildung stellte der Präses fest: „Die Investitionen in unser bisheriges Bildungshaus stehen für uns ab sofort im Fokus. Dennoch bleibt das Thema Klima-Campus für uns nicht verschlossen.“ Man werde die Entwicklung in den kommenden Monaten genau verfolgen.
Die Situation an den bestehenden Bremer Berufsschulen bleibe unbefriedigend. „Die geplanten Umbaumaßnahmen auf dem Wollkämmerei-Gelände in Blumenthal treten im Augenblick auf der Stelle. Ich hoffe, dass wir hier in Kürze auch durch das Konjunkturpaket deutliche neue Impulse bekommen.“, so Kurzke.
Zum Schluss seines Berichts dankte er den Mitgliedern der Vollversammlung ausdrücklich für deren großes Engagement und den guten, regelmäßigen Austausch.
Ausbildung im Fokus der Kammer

Hauptgeschäftsführer Andreas Meyer informierte über die Zahl der eingetragenen Betriebe. 2024 gab es ein Plus von 1,6 Prozent. In den Gewerken der Anlage A der Handwerkordnung (Meistertitel als Zulassungsvoraussetzung) ist die Zahl aber um rund 50 zurückgegangen. Die Zahl der neuen Ausbildungsverhältnisse entsprach Ende 2024 in etwa der des Vorjahres.
Während sich die Zahl der neuen Verträge in Bremen leicht positiv entwickle, gehe sie in Bremerhaven aktuell zurück. Darauf reagiere die Kammer unter anderem mit einer weiteren Verstärkung ihrer Aktivitäten, besonders im Bereich der Vermittlung.
Mit Ernüchterung informierte Meyer über den aktuellen Stand bei der Ausbildungsbegleitung, einem aus Sicht der Kammer sehr erfolgreichen, staatlich finanzierten Projekt, das Auszubildende unterstützt und damit den Ausbildungserfolg sicherstellen soll. Anders als zunächst zugesagt, werde das Projekt, dass aus Mitteln des viel diskutierten Ausbildungsfonds unter neuer Bezeichnung fortgeführt werden sollte, nun doch nicht bewilligt. In der Konsequenz mussten sich die vier Mitarbeitenden, die das Projekt bei der Handwerkskammer mit Leben gefüllt haben, arbeitslos melden. Andreas Meyer: „Wieder einmal ein Beispiel für die unkoordinierte Vorgehensweise der öffentlichen Verwaltung in Bremen.“
Erfreut zeigte sich der Hauptgeschäftsführer über die Tatsache, dass die Sachbearbeitung zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse seit Kurzem in der Handwerk gGmbH angesiedelt ist und Antragstellenden bei Bedarf dadurch auch sehr schnell mögliche Bildungsangebote unterbreitet werden können.
Im Folgenden sprach er eine Reihe von weiteren Themen an. So habe die Kammer in jüngster Zeit ihre Präsenz in den sozialen Medien deutlich steigern können. Bei der Verfolgung von Schwarzarbeit und illegaler Berufsausübung sei es gelungen, die Wahrnehmung der Interessen des Handwerks bei den zuständigen Behörden zu erhöhen. Im Hinblick auf die Berufsorientierungsmaßnahmen für Schülerinnen und Schüler, die bisher in unterschiedlicher Form in der Handwerk gGmbH umgesetzt wurden, gelte es aufgrund auslaufender staatlicher Förderung neue Konzepte zu entwickeln. Eine entscheidende Rolle bei der Weichenstellung für die Ausbildung komme letztlich den allgemeinbildenden Schulen zu.
Positives berichtete Andreas Meyer mit Blick auf die Landesförderung der Überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung. Nachdem die Kammer in der vergangenen Vollversammlung über eine deutliche Lücke zwischen dem angemeldeten Bedarf und den bewilligten Mitteln berichtet hatte, konnte letztlich eine Nachbewilligung erreicht werden. Nun gelte, es auch für die Zukunft eine auskömmliche Landesförderung zu erreichen.
Unterstützung für Betriebe
Arbeitnehmer-Vizepräses Dominik Jakob berichtete von seinem ersten Jahr in dem Ehrenamt, das von Vernetzung mit den Vizepräsidenten der Handwerkskammern aus ganz Deutschland geprägt war. Mit Blick auf den Ausbildungsfonds des Landes Bremen appellierte er an die Vollversammlungsmitglieder, dieses Instrument trotz der anfänglichen Fehler bei der Umsetzung zu nutzen. Denn leider erfüllten viele junge Menschen nicht mehr die Grundvoraussetzungen in Deutsch und Mathematik. Auch ihre Einstellung zur Arbeit ließe in einigen Fällen zu Wünschen übrig. „Die Aufgabe ist groß. Anscheinend zu groß für das Bremer Bildungssystem. Viele junge Leute brauchen noch Ihre und unsere Unterstützung. Auch der Ausbildungsfonds ist an dieser Stelle gefragt“, so Dominik Jakob.

Nichtsdestotrotz dürfe man nicht vergessen, dass es viele großartige junge Frauen und Männer gebe, die demnähst eine Ausbildung beginnen. Die Kammer stehe an der Seite der Ausbildungsbetriebe und biete ihnen Unterstützung.
KI bietet auch Chancen

Für einen Gastvortrag konnte die Handwerkskammer Dr. Christian Welzbacher, Leiter des Heinz-Piest-Instituts für Handwerkstechnik an der Leibnitz Universität Hannover, gewinnen.
Unter der Überschrift „Handwerk traditionell und innovativ“ warf er einen Blick auf die Zukunftsperspektiven des Handwerk im Spannungsfeld von bewährten Techniken auf der einen Seite und KI auf der anderen. Dabei räumte er mit dem Vorurteil auf, Handwerk sein nicht innovativ.
Weil Handwerksbetriebe keine eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen hätten, die über ihre Tätigkeiten publizieren, würde ihre Innovationsfähigkeit häufig bezweifelt. Dabei laufe Innovation im Handwerk grundsätzlich anders ab als in der Industrie. „Innovation im Handwerk findet personengebunden auf der Basis von Erfahrungswissen statt. Das bietet die Chance, schnell auf Kundenanforderungen zu reagieren“, so Welzbacher. Die Voraussetzungen dafür seien ein qualitativ hochwertiges Ausbildungssystem inklusive adäquater Lerninfrastruktur und auch gute technische Beratung durch die Innungen und die Kammern.
Beim Thema KI sieht Welzbacher in näherer Zukunft keine Gefahr für Arbeitsplätze im Handwerk. Stattdessen könne sie das Wertschöpfungspotenzial für Handwerksbetriebe und die Möglichkeiten im Bereich Ausbildung erhöhen.
Entwurfsstudie für die Handwerk gGmbH vorgestellt

Weiteres Thema der Vollversammlung waren die Pläne zur Modernisierung des Bildungszentrums der Kammer, der Handwerk gGmbH. Wie Präses Thomas Kurzke schon in seinem Bericht angedeutet hatte, legt die Kammer aufgrund vieler noch ungeklärter Fragen beim Bremer Klima-Campus den Fokus aktuell auf ihr eigenes Bildungszentrum. Eine erste Entwurfsstudie zur energetischen und gestalterischen Fassadenmodernisierung stellte Architekt Frank Möller vom Büro gropp + möller aus Lüneburg vor. Dabei hob er die gute Grundsubstanz des Gebäudes hervor. Der rational geplante Bestandsbau biete große Möglichkeiten für einen zukunftsfähigen und ressourcenschonenden Betrieb.

Reiner Krebs, Geschäftsführer der Handwerk gGmbH, sieht das Bildungshaus der Kammer gut für die Zukunft aufgestellt und möchte es in Hinblick auf Digitalisierung und Kundenorientierung noch weiter voranbringen.
Danach stellte Präses Thomas Kurzke einen Gast vor, auf den viele Mitglieder der Vollversammlung schon lange gespannt waren. Alexander Gündermann wird ab dem 1. Oktober das Amt des Hauptgeschäftsführers der Handwerkskammer Bremen von Andreas Meyer, der dann in den Ruhestand geht, übernehmen. Der 38-jährige Jurist wechselt von der IHK Braunschweig, wo er den Bereich Wirtschaft leitete, in die Hansestadt und wird sich ab Anfang August in seine neue Aufgabe einarbeiten.


