Klimaschutz bleibt Dauerthema

Wenn es um die Energiewende geht, hat das Handwerk eine Schlüsselrolle. Täglich arbeiten seine Betriebe daran, die wohl größte, langfristige Herausforderung unserer Zeit zu meistern. Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine, der schwächelnden deutschen Wirtschaft und der Debatten um die gesellschaftliche Spaltung ist der Klimaschutz mittlerweile aber nur noch eines von vielen großen Themen. Die politischen Prioritäten haben sich teilweise verschoben. Zeit für eine Wasserstandmeldung aus den Gewerken.

Steffen Röhrs, Obermeister der Innung Sanitär Heizung Klima Bremen, steht mit seinem SHK-Betrieb fast schon symbolisch für die Energiewende in den Heizungskellern. Schon lange vor der politisch hitzigen Diskussion um das Gebäudeenergiegesetz der mittlerweile abgelösten Ampel-Regierung hat er sich für die Wärmepumpentechnik stark gemacht und die schwankende Nachfrage – je nach politischer Weichenstellung – hautnah im eigenen Betrieb gespürt.

Wärmepumpen: Die Hektik hat sich gelegt

Mittlerweile hat sich nach Auskunft von Steffen Röhrs die große Hektik auf dem Wärmepumpenmarkt gelegt, die Nachfrage bewege sich auf einem konstant hohen Niveau. „Das Thema Wärmepumpe ist bei den Verbrauchern angekommen. Viele kommen schon mit einem gewissen Vorwissen zu uns und wir müssen in den Beratungen nicht mehr bei Null anfangen“, sagt Röhrs. Anders als noch vor zwei, drei Jahren wird er heute nur noch selten mit Zweifeln an der Eignung von Wärmepumpen für Altbauten konfrontiert. „Das Thema ist allerspätestens durch, seitdem es Wärmepumpen mit dem Kältemittel Propan gibt. Damit sind auch hohe Vorlauftemperaturen möglich.“

Was ihm zufolge den Markt noch zu sehr beeinflusst, sind die schwankenden Fördermittel für Bauherren. Leider stelle das Land Bremen seine eigene Förderung für den Heizungstausch unter Verweis auf Fördermittel des Bundes Ende August ein. Für Kunden, die zum Beispiel eine Gasheizung austauschen möchten, die jünger als 20 Jahre ist, könnten im schlimmsten Fall bis zu 9.000 Euro Fördergelder weniger zur Verfügung stehen.

Trotz des in der Vergangenheit schwankenden Marktes und der reißerischen Schlagzeilen um das Gebäudeenergiegesetz („Heizungshammer“) haben sich die Bremer SHK-Betriebe Steffen Röhrs zufolge gut auf die neue Technik eingestellt. „Wir als Innung haben viele Fachveranstaltungen zu den Themen Technik und Förderung organisiert und können deshalb bei aller Bescheidenheit sagen, dass das Bremer Handwerk beim Thema Wärmepumpe im Bundesvergleich gut dasteht.“ Dabei spielt für ihn auch die enge Vernetzung mit dem Elektro-Handwerk eine wichtige Rolle. Denn bei Altbausanierungen müsse, wenn eine Wärmepumpe installiert wird, häufig auch die Elektrik erneuert werden.

Dämmung: Der Markt liegt brach

Bevor Wärmepumpen ab Mitte der 2010er Jahre den Massenmarkt erobert haben, stand die Wärmedämmung beispielhaft für die energetische Sanierung von Altbauten. Im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre hat sie mehrere Hochs und Tiefs erlebt. Wohn- und Geschäftshäuser warm einzupacken, galt und gilt bei den einen als das Nonplusultra beim Klimaschutz. Andere betrachten sie eher kritisch, auch aufgrund von Schlagzeilen über Hausbrände oder wegen der Frage, wie die Dämmstoffe irgendwann wieder entsorgt werden können. Ähnlich wie bei Wärmepumpen findet die Diskussion häufig auf der Grundlage von Fehlinformationen statt. Sven Kühnast, Obermeister der Maler- und Lackierer-Innung Bremen, beobachtet die technische Entwicklung bei den Wärmedämm-Verbundsystemen und die Diskussionen darüber seit langem. „Seitdem die ersten Systeme in den 80er Jahren auf den Markt gekommen sind, hat sich technisch enorm viel verändert. Noch mehr als früher ist das korrekte Installieren der Systeme eine handwerklich sehr anspruchsvolle Tätigkeit. Dabei ist auch grundlegendes Wissen aus der Bauphysik wichtig, besonders bei den Innendämmung“, sagt Sven Kühnast.

Trotz des hohen Energiesparpotenzials der Dämmung werde diese gerade wenig nachgefragt. „Zurzeit liegt der Markt mehr oder weniger brach“, so der Obermeister. Selbst Wohnungsbaugesellschaften hielten sich bei der Dämmung ihrer Bestandsgebäude momentan sehr stark zurück. Und auch vom zurzeit schwächelnden Neubau kämen keine Impulse. Wo nicht gebaut werde, müsse schließlich auch nicht gedämmt werden.

Um den Markt zu beleben, braucht es Sven Kühnast zufolge eine verlässlichere Förderung. „Wichtig ist, dass Eigentümer und Bauherren eine klare Richtung erkennen. Nur dann treffen sie Entscheidungen.“

Elektro: Smart home ist mehr als Spielerei

Dass Klimaschutz-Handwerk heutzutage aber weit mehr beinhaltet als Heizungstechnik und Dämmung, erklärt Thomas Gnutzmann, Obermeister der Elektro-Innung Bremen. Er vertritt das Gewerk, dass für die sichere Versorgung des Landes mit dem „Rohstoff“ der Energiewende steht und ohne den weder Wärmepumpen, E-Autos noch die wichtigen Kommunikationsnetze laufen würden. Was früher Kohle und Öl waren, ist heute immer mehr elektrischer Strom. Das zeigt nicht zuletzt der starke Zuwachs von Photovoltaik-Anlagen in der Stadt und vor allem auf dem Land.

Dem Elektro-Handwerk kommt die immer weiter voranschreitende Elektrifizierung schon heute zugute. Und Thomas Gnutzmann zufolge müssen die Betriebe, welche die technische Entwicklung als Herausforderung und Chance betrachten, auch auf lange Sicht keinen Auftragsmangel befürchten. Weil Wärmepumpen, E-Autos aber auch viele andere moderne Helfer in den Haushalten und Unternehmen den Hunger nach elektrischer Energie immer größer werden lassen, stoßen sowohl die öffentlichen Netze als auch die Gebäudeinstallationen immer häufiger an ihre Grenzen. „Wenn Sie Ihren Bremer Altbau mit der alten schwarzen Verteilerplatte im Keller mit einer Wärmepumpe oder einer Wallbox für Ihr E-Auto ausstatten wollen, ist meistens auch die elektrische Installation fällig“, sagt Gnutzmann. Die alten Leitungen seien schlicht und einfach nicht auf die Strommengen von heute ausgelegt. „Wenn Sie Ihr E-Auto in der privaten Garage aufladen, fließt über viele Stunden ungefähr die gleiche Strommenge, als wenn Sie alle vier Kochplatten ihres E-Herdes und zusätzlich noch den Ofen voll aufdrehen.“

Damit trotz des steigenden Energiebedarfs nicht irgendwann buchstäblich die Lichter ausgehen, sieht Thomas Gnutzmann das so genannte Lastmanagement als unumgänglich. Dieses steuert die begrenzte Menge an elektrischer Energie in den öffentlichen Netzen aber auch in einzelnen Gebäuden so, dass die Netze nicht überlastet werden. Im Zweifel bedeutet das, dass das E-Auto nur mit gedrosselter Leistung geladen wird. Damit ein Lastmanagement aber funktioniert, müssen so genannten intelligente Stromzähler, so genannte Smart Meter, installiert sein.

Diese ermöglichen neben einem Lastmanagement auch eine breite Palette von Smart-Home-Anwendungen. Thomas Gnutzmann: „Smart Home ist heute weit mehr als eine nette technische Spielerei, sondern kann einen wichtigen Beitrag zum Energiesparen liefern. Wenn Sie die Temperatur in Räumen, die Sie nur wenig nutzen, mit Smart Home um ein Grad Celsius reduzieren, sparen Sie damit sechs Prozent Heizenergie.“ Großen Nutzen sieht der Obermeister bei Apps, die es heutzutage möglich machen, den aktuellen Energieverbrauch des eigenen Hauses ständig und überall zu beobachten. „Als Autos mit einer Verbrauchsanzeige ausgestattet wurden, sind die Leute sofort angefangen, bewusster zu fahren. Das ist bei elektrischem Strom vergleichbar. Erst, wenn man vor Augen sieht, wieviel man gerade verbraucht, macht es auch Spaß, zu sparen.“

Großer Personalbedarf

Dass für die anspruchsvollen Aufgaben des Klimaschutzes gut qualifiziertes Personal gebraucht wird, ist im Handwerk breiter Konsens. Die Frage, die sich viele Betrieb nach wie vor stellen ist, woher die vielen zusätzlichen Fachkräfte kommen sollen. Trotz groß angelegter, bundesweiter Imagekampagnen und unzähliger lokaler Initiativen finden viele Betrieb auch aus den klimaschutzrelevanten Handwerken kaum Bewerber für ihre Ausbildungsplätze. Auch Thomas Gnutzmann, der in den vergangenen Jahren in dieser Hinsicht keine Probleme hatte, konnte für dieses Jahr noch keinen Ausbildungsvertrag unterschreiben. Langfristig setzt er aber darauf, dass die zunehmende Technisierung, steigende Anforderungen und auch die damit einhergehende Entlohnung für ein wachsendes Interesse an einer Ausbildung sorgen werden. „Wenn Sie heute im Smal Talk erwähnen, Handwerker zu sein, ernten Sie meistens Anerkennung. Vor ein paar Jahren war das noch ganz anders.“

Kfz-Handwerk: Herausforderung ist die Ladeinfrastruktur

Das Kfz-Handwerk konnte sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht über mangelndes Interesse junger Menschen beschweren. Auch heute steht es bei vielen ganz oben auf der Wunschliste. Wobei der Anteil der Elektronik künftig weiter wachsen wird. Hans Jörg Koßmann, Obermeister der Kfz-Innung Bremen, sieht die alles entscheidende Systemfrage in der Autowelt als so gut wie entschieden an. „Es wird sich in Richtung des reinen Elektroantriebs bewegen. Welche Rolle aber zum Beispiel synthetische Kraftstoffe spielen werden, das ist eine Frage, auf die es noch keine Antwort gibt.“

Wie schnell die Entwicklung vonstattengehen wird, hänge ganz entscheidend von der Ladeinfrastruktur ab. Hier sieht Koßmann noch einige große Hürden. Auch deshalb beobachtet er momentan noch eine große Skepsis vieler Kunden beim Thema E-Auto. Viele entschieden sich zurzeit noch für einen Verbrenner. Das zeigen auch die aktuellen Zahlen des Landesverbands des Kfz-Gewerbes Niedersachsen-Bremen. Von den im Mai insgesamt 1.112 neu zugelassenen Pkw verfügten 231 (rund 21 Prozent) über einen reinen Elektroantrieb. Allerdings, so der Landesverband, seien darunter viele Eigenzulassungen, mit denen die Hersteller die EU-Flottengrenzwerte einhalten und damit Strafzahlungen vermeiden wollten.

Während die meisten Kfz-Werkstätten heutzutage im Alltagsgeschäft also hauptsächlich noch mit Verbrennern zu tun haben, wird sich die Situation voraussichtlich peu à peu ändern. Weil E-Fahrzeuge aus weniger Teilen gefertigt sind als vergleichbare Verbrenner und auch weniger mechanische Wartungsarbeiten anfallen, wird sich Hans Jörg Koßmann zufolge das Werkstattgeschäft langfristig auch verringern. Und an die Stelle der heutigen Standard-Wartungsarbeiten wie zum Beispiel dem Ölwechsel werden Software-Updates treten. Insgesamt erwartet der Obermeister, dass es in Zukunft weniger aber dafür größere Kfz-Betriebe geben wird. Wie schnell die Veränderung kommen wird, das steht dem Mercedes-Liebhaber zufolge noch in den Sternen.

Solardachpflicht ist eine Steilvorlage

Für das Dachdeckerhandwerk ist der Klimaschutz nach Auffassung von Sascha Ligat, Obermeister der Dachdecker-Innung Bremerhaven-Wesermünde, eine enorme Chance. Dazu tragen ihm zufolge auch die Solarpflicht nach einer grundlegen Dachsanierung und – seit Juli dieses Jahres – für Neubauten bei. Um die Chancen zu nutzen, komme es aber auch darauf an, die Qualitätsanforderungen, die mit einer Solar-Installation einhergingen, bei den Kunden noch bekannter zu machen. „Ich kenne viele Fälle, bei denen nicht fachgerechte Installationen zu massiven Schäden am Dach geführt haben. Wer sich nicht richtig auskennt, kann viel am Dach kaputt machen“, sagt Ligat. Bei Flachdächern bestehe zum Beispiel die Gefahr, dass die Dachhaut mit Schrauben perforiert wird. Bei Steildächern sei ein klassischer Fehler, dass die PV-Dachhalter falsch montiert werden und in der Folge Dachpfannen brechen. Häufig werde auch die erforderliche Höhenüberdeckung der Pfannen unterschritten. Ligat: „So etwas sehen wir immer wieder, wenn keine Fachleute am Werk waren.“

Im Grund sei die Solarpflicht eine Steilvorlage für das Dachdeckerhandwerk. Allerdings sei es wichtig, gut mit den anderen Gewerken zusammenzuarbeiten. Wenn ein Kunde beim Dachdecker eine PV-Anlage anfrage, kooperiere dieser im Idealfall mit einem Elektro-Betrieb, der die elektrische Installation übernimmt. Auf Innungsebene gebe es einen guten Austausch zwischen den Gewerken Dachdecker, Elektro und SHK, so Sascha Ligat.

Bei Thema Dach-Dämmung ist der Markt dem Obermeister zufolge zurzeit etwas ruhiger. Dennoch hätten die Betriebe sehr gut zu tun. Während der Boom im Privatkundengeschäft nachgelassen habe, kämen zurzeit viele Aufträge von der öffentlichen Hand. Hier sei meist auch sehr hochwertige Dämmung gefragt. „Die beste Energie ist ja schließlich die, die nicht verbraucht wird“, sagt Sascha Ligat.

Text: Oliver Brandt, Fotos: Oliver Brandt, Martina Albert